Die
Krankheit tritt, wie schon der Name sagt, vorzugsweise bei Personen
auf, die berufsmäßig im Eisenbahnfahrdienst angestellt
sind, oder bei solchen, die infolge ihrer Beschäftigung
gezwungen sind, die Eisenbahn häufig zu gebrauchen. Für das
Entstehen der Eisenbahnkrankheit werden in erster Linie die starken
anhaltenden Körpererschütterungen, die durch die stampfende
Fortbewegung eines fahrenden Eisenbahnzuges hervorgerufen werden,
ferner die damit verbundenen starken Geräusche und endlich der
gewaltige Luftdruck und Luftzug, der bei dem rapiden Durchschneiden
der Luftschichten unvermeidlich entstehen muß, verantwortlich
gemacht. Man muß nur bedenken, daß zum Beispiel ein
Lokomotivführer jährlich bis zu 10,000 Meilen durchmißt.
Er legt diese enorme Strecke auf der Maschine stehend zurück und
erfährt außer anderen nachteiligen Einwirkungen dabei
andauernd sehr heftige Erschütterungen des Körpers, welche
sich durch die unteren Extremitäten zunächst auf das
Rückgrat fortpflanzen, während die ungemein starken
Geräusche und das Getöse, von denen er unaufhörlich
umgeben ist, auf das Gehör und durch dieses auf das Gehirn
höchst ungünstig einwirken. Die sonst im Fahrdienst
beschäftigten Schaffner, Bremser, Postbeamten usw. erleiden,
entsprechend der besseren Federung der Wagen und teilweisen
Polsterung der Sitze, zwar weniger intensive Erschütterungen des
Rückenmarkes, werden dafür aber desto übler durch das
schnurrende Zittern der Bremsen und das Rasseln, Klappern und Stoßen
der Wagenkuppelungen belästigt, welches sich direkt auf die
Wirbelsäule überträgt. Hierzu gesellt sich häufige
Übermüdung, die mit dem fortgesetzten Reisen verbundene
starke nervöse Erregung, sowie ein meist zum Bedürfnis
gewordener Genuß geistiger Getränke.
Alle
diese schädliche Einflüsse rufen nun bei solchen Leuten,
die infolge ihres Berufes oder sonst zwingender Verhältnisse
denselben fortwährend ausgesetzt sind, mit der Zeit eine nach
individuellen Verschiedenheiten mehr oder weniger ausgesprochene
Reizung gewisser Nervenzentren im Gehirn oder Rückenmark hervor,
auf Grund derer sich allmählich die eigenartigen
charakteristischen Erscheinungen entwickeln, die man als
"railway-spine" bezeichnet.
Die
Krankheit beginnt meistens mit einem anfangs kaum merklichen, mit der
Zeit sich steigernden Gefühl von Mattigkeit und
Abgeschlagenheit, das sich besonders in den unteren Extremitäten
in erhöhtem Grade geltend macht. Der Gang wird erschwert,
schleppend, und die Kranken haben vielfach das Gefühl, als ob
ihnen ein Gewicht an den Füßen hänge. Die Ermüdung
setzt sich weiter fort auf das Rückgrat, so daß die
Kranken unwillkürlich eine etwas nach vorn gebeugte Haltung
annehmen und häufig nach einem Stützpunkt für die
Wirbelsäule durch öfteres Anlehnen suchen, oder dadurch,
daß sie die Hand ins Kreuz legen, die Rückenhaltung zu
unterstützen sich bemühen.
Mit
der Zeit stellen sich auch Lähmungen ein, die sich besonders auf
die Muskulatur des Rumpfes und der Extremitäten erstrecken. Die
Beugung und Streckung der Arme und Beine, sowie die Drehbewegungen
des Rumpfes und die Neigung und Drehung des Kopfes sind infolgedessen
ungemein erschwert und mit Schmerzen verbunden. So sieht man denn
häufig, daß die Kranken den Rumpf ängstlich gerade
halten, mit steifgehaltenem Rücken sich vorwärts bewegen,
beim Niedersetzen sowohl wie beim Aufrichten zuerst mit den Händen
eine Stütze zu gewinnen suchen und sich vorsichtig und langsam
aus einer Lage in die andere bringen.
In
den vorgeschritteneren Stadien der Krankheit treten neben den
Bewegungsstörungen auch Störungen der Gefühls- und
Sinnesfunktionen auf. Besonders sind es neben Kribbeln und
Taubheitsgefühl in den Finger- und Zehenspitzen Empfindungen der
verschiedensten Art, die den Kranken zu schaffen machen. So hat der
eine die Empfindung, als ob Würmer unter der Haut umherkröchen,
der andere, als ob Blasen an den verschiedensten Körperstellen
unter der Haut platzten, oder als ob der Kopf nicht mehr festsitze
und ähnliche seltsame Vorstellungen. Nicht selten haben die
Kranken auch das Gefühl, als ob ihnen ein Gürtel oder ein
Reif um den Leib gelegt wäre.
Die
Sinnesstörungen äußern sich durch Flimmern vor den
Augen, Blendungsgefühl, Farbensehen, Verschleierung des
Gesichtsfeldes, Durcheinanderschwimmen der Buchstaben beim Lesen,
fliegende Flecken und Druck in den Augen, durch Sausen, Zischen,
Pfeifen und Brausen in den Ohren, als ob Wasser kochte oder als ob
ein Strom in der Nähe rauschte, durch pappigen oder fortdauernd
salzigen Geschmack im Munde usw. Weiterhin machen sich auch
Sprachstörungen geltend. Die Sprache wird verlangsamt und
schleppend. Der Kranke verliert mitten im Satz den Faden, als ob er
das, was er sagen wollte, vergessen habe, oder er spricht wie jemand,
der in höchster Angst etwas erzählen will und die Worte nur
stoßweise hervorbringt. Das
Merkwürdige bei all diesen Erscheinungen ist, daß der
allgemeine Ernährungszustand in der Mehrzahl der Fälle
nicht Not zu leiden pflegt, so daß derartig erkrankte Personen
wegen ihres gesunden, oft selbst blühenden Aussehens, von Laien
überhaupt nicht für krank gehalten werden. Indessen kommt
es auch in einzelnen Fällen zu Abmagerung und Verfall der
Körperkräfte, ja unter Umständen zu vollständiger
Entkräftung, woran die Kranken dann meist zu Grunde gehen.
Die
Eisenbahnkrankheit äußert sich aber auch noch durch andere
Erscheinungen, bei welchen neben den bereits erwähnten
Erscheinungen auch die psychische Sphäre mehr oder weniger in
Mitleidenschaft gezogen ist.
Diese
Krankheitsformen sind meist die Folgen von Eisenbahnunfällen.
Der Schreck auf der einen Seite, Erschütterungen, Quetschungen
und Verletzungen des Zentralnervensystems oder seiner Umhüllungen
auf der anderen Seiten, spielen hierbei die gewichtigste Rolle. Man
hat sogar Fälle beobachtet, in denen im Anschluß an
Eisenbahnzusammenstöße bei beteiligten Personen sich ohne
jedes sichtbare Zeichen von Verletzung der Wirbelsäule usw.
schwere fortschreitende Rückenmarksleiden entwickelten, die
einen tödlichen Verlauf hatten. Man muß annehmen, daß
es sich hierbei um molekulare Erschütterungen der nervösen
Elemente des Rückenmarks oder um kleine zerstreute Blutungen in
die Substanz des Rückenmarks handelt, die zu einer Entartung und
späteren Erkrankung desselben unvermeidlich führen müssen.
Nach
einem überstandenen Eisenbahnunfalle findet man bei den
verletzten Personen, abgesehen von den chirurgischen Schädigungen,
entweder eine ausgeprägte, todähnliche Betäubung von
mehrstündiger oder selbst mehrtägiger Dauer, die unter
Umständen unmittelbar zum Tode führt, oder, was häufiger
der Fall ist, nur ein kurzwährendes Stadium der Bewußtlosigkeit
oder Benommenheit.
Endlich
gibt es auch Fälle, in denen der Verunglückte zunächst
über nichts zu klagen hat, seinen Dienst weiter versieht oder
anderen Verletzten hilfreich beispringt und erst nach Tagen, Wochen
oder selbst Monaten die ersten Beschwerden empfindet.
Dieselben
sind zunächst rein subjektiver Natur. Der Kranke empfindet
Schmerz, und zwar besonders häufig in der Rückengegend.
Dieser Schmerz wird als dumpf, drückend, lähmend
geschildert, durch alle Bewegungen gesteigert und zwingt den Kranken,
beim Stehen, Gehen und Sichaufrichten die Wirbelsäule
unbeweglich zu halten. Bald stellt sich auch Kopfschmerz oder
Eingenommenheit des Kopfes und Schwindelgefühl ein.
Schon
in den ersten Nächten nach dem Unfalle zeigt sich
Schlaflosigkeit. Der Kranke gibt an, vor Aufregung, Angst und innerer
Unruhe nicht einschlafen zu können, oder durch beängstigende
Träume, in denen das erlebte Unglück mit seinen
Schrecknissen ihm wieder vor die Seele tritt, aus dem Schlafe geweckt
zu werden. Verstimmung, Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit, Angstzustände
alle diese psychischen Anomalien stellen sich in allmählich
anwachsender Stärke ein und veranlassen den Patienten, die
Einsamkeit zu suchen und sich gegen seine Umgebung abzuschließen.
Eine tiefe Verstimmung bemächtigt sich der Kranken, sie hängen
traurigen Vorstellungen nach, sind wortkarg und, wenn sie sich
aussprechen, lenken sie mit Vorliebe das Gespräch auf ihr
Leiden, das auch ihre Gedanken fortwährend beschäftigt. Die
Erinnerung an den erlittenen Unfall ist eine so lebhafte, daß
diese Vorstellung durch ihr Haften, durch ihre Alleinherrschaft in
der Seele einen pathologischen Charakter gewinnt. Die meisten sind
rührselig, leicht zum Weinen geneigt. Gemütseinflüsse,
denen sie sonst gleichgültig gegenüberstanden, versetzen
sie in Erschütterung. Die Verstimmung erreicht nicht selten eine
Höhe, daß sie zu Selbstmordversuchen führt. Die
Angstgefühle steigern sich immer mehr, so daß es häufig
zu heftigen Angstattacken kommt, in denen die Kranken die
fortwährende Empfindung haben, als ob ihnen ein großes
Unglück bevorstände, dem sie sich nicht zu entziehen
vermögen.
Bei
der Behandlung der Eisenbahnkrankheit hat man das Augenmerk in erster
Linie auf die Beseitigung der ursächlichen Momente zu richten,
erst dann kann man zur Behandlung der nervösen Erscheinungen
übergehen. In jedem Falle ist es also geboten, die Kranken
sofort ihrer gewohnten Beschäftigung zu entziehen, nur in
leichteren Fällen, besonders dort, wo die melancholischen
Verstimmungen mehr im Vordergrunde stehen, ist eine leichte
Beschäftigung nicht außer acht zu lassen. In den
ausgebildeten Fällen ist die Ruhe, wie sie die Waldeinsamkeit
oder der Aufenthalt in einem ruhig und idyllisch gelegenen Badeorte
oder einem wenig besuchten Seebad bieten, für die Kranken am
wohltuendsten, haben sie doch selbst das Bedürfnis, sich
zurückzuziehen, und diesem soll möglichst Rechnung getragen
werden.
Eine
entsprechende Ernährung, Enthaltung von allen geistigen
Getränken und die Sorge für einen gesunden und stärkenden
Nachtschlaf werden ebenfalls zur Besserung ihr gutes Teil mit
beitragen. Auch von den kohlensäurehaltigen Stahlbädern
Cudowa und Schwalbach will man günstige Wirkungen gesehen haben.
Einfache kalte Abreibungen sollten in allen Fällen versucht
werden, wie denn auch im allgemeinen durch die Kaltwasserbehandlung
entschieden gute Resultate erzielt worden sind. Gegen die
funktionellen Lähmungen, die besonders die Muskeln der
Extremitäten und des Rumpfes betreffen, wird als bewährtestes
Mittel die Massage gerühmt.
Von
anzuwendenden Medikamenten sind an erster Stelle die Brompräparate
zu nennen. Die subjektiven Beschwerden, die Schmerzen, die
Verstimmung und die Angstzustände erfahren unter der Anwendung
von Bromkali oder Bromnatrium, dessen Dosierung selbstverständlich
dem Arzt zu überlassen ist, eine wesentliche Linderung. Nur soll
man das Medikament nicht dauernd anwenden und sich vor Mißbrauch
hüten. Gegen die Schlaflosigkeit soll man sich weniger der
medikamentösen, als der Wasserbehandlung bedienen. Ein vor dem
Zubettgehen genommenes laues Bad von 26 bis 28 Grad oder eine
feuchtwarme Einpackung des Körpers werden zur Herbeiführung
eines gesunden Schlafes selten ihren Zweck verfehlen.