kurpfusch:gaea_1899

Dies ist ein Text aus: Gaea / Natur und Leben. Centralorgan zur Verbreitung naturwissenschaftkicher und geographischer Kenntnisse sowie der Fortschritte auf dem Gebiete der gesamten Naturwissenschaften. Unter Mitwirkung hervorragender Fachmänner herausgegeben von Dr. Hermnn J. Klein in Köln a.Rh. XXXV. Jahrgang 1899, Seiten 257-261

Wissenschaftliche Heilkunde, Naturheilkunde und Kurpfuscherei.

Der Zustand der praktischen Heilkunde ist gegenwärtig ein beliebtes Thema in der Tagespresse geworden. Wie immer, wenn es sich um Fragen handelt, bei der die Allgemeinheit mehr oder weniger beteilig! ist, platzen die Geister dabei gewaltig aufeinander: Hüben und drüben macht man sich Vorwürfe; der eine spricht von einer eingetretenen "Verknöcherung der Schulmedizin", der andere schwingt ein Panier mit der Inschrift "Naturheilkunde" und kämpft für die alleinige Anwendung von Wasser, Wärme, Sonnenlicht und Diät als Universalheilmittel bei allen Krankheiten. Neben diesen Parteien aber hat im Deutschen Reiche der Krebsschaden der wilden Heilkünstler oder Kurpfuscher einen Umfang gewonnen, der zu einer Kalamität geworden ist, indem dadurch zahllose Menschen nicht nur um ihr Geld gebracht, sondern noch obendrein körperlich geschädigt werden. Alle Mittel der Reklame sind diesen Kurpfuschern recht, ja, um der Unverschämtheit die Krone aufzusetzen, entblöden sich manche derselben nicht, auf Prospekten, die massenhaft verbreitet werden, ihr Bildnis anzubringen, als wenn es sich um eine Person von Bedeutung und allgemeinem Ansehen handeln würde.

Unter dem Schutze des Gesetzes, welches jedermann die freie Ausübung der Heilkunde gestattet, so lange er sich nicht den Anschein einer staatlich approbierten Medizinalperson giebt, haben aber gerade schiffbrüchige Existenzen die Kurpfuscherei als Erwerbszweig ergriffen und beuten die Unwissenheit ihrer Nebenmenschen in kaum glaublichem Umfange aus. Auf diese Weise zeigt das Ende des 19. Jahrhunderts das betrübende Schauspiel, dass dem Kranken sogar Hilfe durch angeblich okulte Kräfte versprochen wird, und mit dreister Stirn viele sich als *Magnetiseure" aufspielen, vorgebend, durch ihre magnetische Lebenskraft Krankheiten heilen zu können. Man muss das Gebaren und Verfahren solcher Leute selbst kennen gelernt haben, um die ganze Frechheit ihres Auftretens zu ermessen. So empfiehlt - um nur ein Beispiel anzuführen - in öffentlichen Blättern ein ehemaliger Bäcker sich als Magnetiseur, der durch die ihm innewohnende Kraft selbst in verzweifelten Fällen Krankheiten heile, indem er den Krankheitsstoff aus dem Körper ziehe und ihn in einen Spiegel werfe! Auf diesen schier unglaublichen Schwindel fallen thatsächlich viele Dumme herein! Ein solcher Magnetiseur hatte die Unverschämtheit, in einem öffentlichen Vortrage die Kurmethode eines Arztes in einem bestimmten Falle ins Lächerliche zu ziehen, auf sich selbst aber das biblische Wort anzuwenden: 'Den Kranken werden sie die Hände auflegen und es wird besser mit ihnen werden'. Ein anderer Kurpfuscher, der auch in sich das Vorhandensein einer magnetischen Kraft verspürte, nachdem er sein erlerntes Handwerk aufgeben musste, spricht laut von der Unwissenheit der 'Schulmedizin', während er selbst nur die Volksschule besucht hat und mit den einfachsten Regeln der Orthographie auf gespanntem Fusse steht. Dass die Vertreter der wissenschaftlichen Heilkunde solchen wirklich empörenden Verhältnissen gegenüber Gewehr bei Fuss zusehen müssen, ist überaus traurig und wird lediglich durch die Aussichtslosigkeit des Vorgehens, so lange die Gesetzgebung nicht geändert ist, erklärt. Einzelne Juristen sind freilich der Meinung, dass auch die bestehende Gesetzgebung schon Handhaben genug biete, um dem Reklameunwesen der sogenannten Magnetiseure entgegenzutreten, da diese Leute im gegebenen Falle den objektiven Nachweis der ihnen ihrer Behauptung nach innewohnenden magnetischen Heilkraft liefern müssten.

Inzwischen mehren sich die Stimmen, welche laut nach einer Abänderung der bestehenden Gesetze bezüglich der Freigabe der Heilkunde rufen, und es scheint, dass diese Rufe in Regierungskreisen nicht lange mehr ungehört verhallen werden. Gleichzeitig fehlt es aber auch nicht an Blättern, die, schlecht beraten, für die Kurpfuscherei in ihrem vollen Umfange eintreten und gegen die "Schulmedizin" donnern. So z. B. die "Deutsche Warte" in Berlin, welche (u. a. in Nr. 31 A) sogar den Ausspruch thut: "Diese (medizinische) Wissenschaft ist eine öffentliche Gefahr namentlich für das arme Volk geworden". Dafür reitet der Artikelschreiber in jenem Blatte sein Steckenpferd: die "Naturheilkunde". Als wenn die wissenschaftliche Medizin das, was an der Naturheilkunde brauchbar und gut ist, nicht mit Vergnügen acceptierte und verwertete! Aber freilich, was dieser und jener sogenannte "Naturarzt" als heilkräftig in einem gegebenen Falle ausgiebt und anpreist, ist es darum noch lange nicht. Denn die Erfahrungstatsache, dass manche sehr angepriesene chemische Medikamente sich nach umfassenden und längeren Prüfungen als unbrauchbar erwiesen, während ihnen anfangs auf Grund beschränkter Erprobung grosser Heilwert zugeschrieben wurde, gerade diese Thatsache macht sich auch bei den Vorschriften der sogenannten Naturheilkunde geltend. Es kann auch gar nicht anders sein, wie jeder, der die Verhältnisse kennt, sogleich begreifen wird.

Sehr richtig bemerkt Prof. v. Leyden, dass die Naturheilkunde, so weit sie berechtigte Grundsätze vertritt, von den berufenen Autoritäten geprüft und thunlichst verwertet wird. Das ist eigentlich so selbstverständlich, dass man es nicht hervorzuheben brauchte, denn die wissenschaftliche Heilkunde ist ja keiner sogenannten naturgemässen Kurmethode an und für sich gram, wie die Gegner so gern hinstellen; aber alles Naturgemässe ist deshalb nicht ohne weiteres heilwirkend! Der beste Beweis, dass die wissenschaftliche Heilkunde keineswegs verknöchert, sondern in lebhafter, fortschrittlicher Thätigkeit begriffen ist, wird auch durch die Thatsache geliefert, dass innerhalb der Wissenschaft selbst verschiedene Strömungen herrschen. So sagt der oben erwähnte Artikel: "Aus dem Lager der zünftigen Mediziner aber lassen sich die verschiedenartigsten Stimmen vernehmen; es summt und wirbelt da, wie in einem Bienenkorbe. Die einen kommen der Naturheilkunde ein weites Stück entgegen und halten ihren Standesgenossen im Spiegel der Wahrheit ein wenig schmeichelhaftes Bild vor Augen. Andere im geraden Gegenteil stimmen ein Hosiannah an von wegen des neuesten auf den Thron erhobenen Götzen "Serum-Therapie", eines Götzen, dem aber im eigenen Lager noch viele, viele nicht huldigen wollen. Da schreibt Dr. Marmorek - vermutlich in der "Neuen Freien Presse" (Wien) - aus dem Institute Pasteur einen Lobgesang zu Ehren Pasteur's und sogar - man sollte es nicht glauben - seiner "Schutz*-Impfung gegen die Hundswut und voller Ingrimm gegen die Feinde dieser tier- und menschenquälerischen "Heil"-Weise, von denen man nicht wisse, ob sie "mehr Narren oder Verbrecher seien". Weiss denn Marmorek, dieser commis voyageur des Pest-Serums, nicht, was Pasteur mit seinen Impfungen alles auf dem Gewissen hat? Noch mehr als Koch mit seinem Tuberkulin, Behring mit seinem Diphtherie-Serum! Weiss er nicht, wie Pariser Fachleute und Fachblätter darüber urteilen, ein Professor Peter, ein Dr. Lutaud, ein Dr. Berton? Ein medizinisches Blatt schreibt: "Pasteur vergiftet das ganze Seine-Departement. Jetzt tauchen dort hundert Mal mehr wütende Menschen auf als früher. Es bleibt nur eines übrig: Man muss die ganze Pasteur'sche Anstalt, diesen Tempel moderner Reklame und modernen Schwindels, niederreissen und darf keinen Stein auf dem anderen lassen." In der That ist die Liste der von Pasteur und seinem Anhange nach und nach zu Tode "Schutzgeimpften" und "Geheilten" nachweislich auf 400—500 gestiegen. Davon verlautet natürlich in den meisten medizin-gottesfürchtigen Blättern nichts. Das wäre gegen die Standesehre!"

Welche grosse Dosis Unverfrorenheit gehört dazu, Männern wie Pasteur, Koch und Behring, die überaus gefahrvolle, schwierige und anstrengende Untersuchungen Jahrzehnte lang durchgeführt haben, um schreckliche Krankheiten zu bekämpfen, welche die Natur - der irregeführte Laien lediglich Heilwirkungen andichten - über die Menschheit verhängte, solche Schmähungen entgegenzuschleudern! Natürlich sind die Gegner der "Schulmedizin" auch Impfgegner und entblöden sich nicht, die furchtbaren Verheerungen, welche vor der Schutzpockenimpfung die Blattern angerichtet haben, als Hirngespinste darzustellen oder zu behaupten, diese Krankheit habe mittlerweile ihren epidemischen und mörderischen Charakter verloren. Die Hauptanführer im Kampfe für die Naturheilkunde sind Leute, die, ohne langjährige ernste Studien in der gesetzlich vorgeschriebenen Weise angestellt und die Erfahrungen der Wissenschaft unter Leitung medizinischer Fachmänner kennen gelernt zu haben, lediglich aus dem Born ihrer persönlichen Eindrücke und Ansichten schöpfen, um damit als "Heilkünstler" Geld zu erwerben.

Sieht man sich nun näher nach den Ursachen um, weshalb solche unbefugte und unberufene Persönlichkeiten vielfach den grössten Zulauf von Kranken aufzuweisen, haben, so ergiebt sich als Grund durchaus nicht allein der Umstand, dass die Dummen niemals alle werden, sondern es wirken mehrere andere Ursachen mit. Zunächst giebt es gewisse Krankheiten, die regelmässig einen letalen Verlauf nehmen, die eben unheilbar sind. Der Zustand des Patienten schwankt dann häufig auf und ab, aber nach Verlauf einer gewissen Zeitdauer ist der tödliche Ausgang unausbleiblich. So bei der sekundären Darmphthise, Tabes dorsalis, ausgebildetem Lungenemphysem, chronischer Nephritis und anderen Krankheiten. Kann hier der wissenschaftlich gebildete Arzt nicht helfen, wie es in der That der Fall ist, so nimmt der Leidende vielfach den Kurpfuscher in Anspruch, der freilich ebensowenig helfen kann. Dazu kommt endlich, dass die Erfolge der wissenschaftlichen Heilkunde auch heute noch im allgemeinen ziemlich gering sind. Weit entfernt, dies in Abrede zu stellen, müssen wir vielmehr nachdrücklich darauf hinweisen und offen aussprechen, dass kein Zweig der Naturwissenschaften verhältnismässig so geringe Fortschritte gemacht hat, als die praktische Medizin. Wenn man die fast zahllosen medizinischen Zeitschriften betrachtet, so findet man darin ein geradezu ungeheures Material aufgehäuft, von dem der grösste Teil nach kurzer Zeit dem Staube und der Vergessenheit überantwortet wird, und das Gleiche gilt von den zahlreichen Reden und Vorträgen über medizinische Themata, welche Jahr für Jahr gelegentlich der öffentlichen Versammlungen der Naturforscher und Ärzte gehalten werden: es bleibt von den meisten nichts, als das damit bedruckte Papier! Sollten indessen die Kurpfuscher diese unbestreitbare Thatsache für sich verwerten wollen, so könnte dies nur ein allgemeines Gelächter erregen; denn die geringen Fortschritte der praktischen Heilkunde sind lediglich bedingt durch die Schwierigkeit und Kompliziertheit des Gegenstandes und nicht etwa durch Mangel an Aufmerksamkeit und Forschergeist auf dem medizinischen Gebiete. Was der Kurpfuscher gefunden zu haben glaubt oder vorgiebt und worauf er schwört, ist jedem wissenschaftlich gebildeten Arzte längst bekannt, weil ihn die langen Erfahrungen der Vorgänger bei seinen Fachstudien zur Kenntnis gekommen sind, während der Kurpfuscher, der keine Studien gemacht hat, davon natürlich nichts weiss. Nun ist der menschliche Körper ein so komplizierter Organismus, dass auch die heutige Wissenschaft relativ nur wenig von den Funktionen seiner einzelnen Bestandteile ergründen konnte, sehr vieles ist noch dunkel, anderes nur teilweise bekannt, in manchen Punkten ist die Wissenschaft sogar wahrscheinlich auf dem falschen Wege, kurz, die bisherigen geringen Erfolge der Heilkunst beruhen auf der Schwierigkeit des Gegenstandes an und für sich, nicht aber, wie die Pfuscher ausgeben, auf der Untüchtigkeit und Beschränktheit ihrer Vertreter oder der Forschungsmethode.

Haben wir auf diese Weise die in der Sache selbst liegenden Ursachen der geringen Erfolge der heutigen wissenschaftlichen Heilkunde zugegeben, so darf anderseits nicht verschwiegen werden, dass auch der ärztliche Stand in seiner gegenwärtigen Lage vielfach so bedrängt ist, dass der Einzelne im Kampf ums Dasein nicht selten seine Berufsfreudigkeit einbüsst. Hier sollte der Staat helfend einschreiten und wie die Zahl der Apotheken, so auch die der praktizierenden Ärzte gesetzlich normiert werden. Dann wird auch mit Erfolg die brennende Frage der weiblichen Ärzte für Frauenbehandlung befriedigende Lösung finden, eine Forderung, die in allererster Linie erledigt werden muss. * „ *