tabakgebrauch1843
HISTORISCHER TEXT ZUM TABAK: "Sanitäts-polizeiliche
Würdigung des Tabaks und seines zunehmend schädlichen
Gebrauchs." Von Herrn Dr. Würth, Geheimen Hofrathe und
Amtsphysicus in Kenzingen. 1843
"Ich habe
mir zum kurzen Vortrage einen schwierigen Gegenstand gewählt,
gegen den ich schwer anzukämpfen habe, und doch, wenigstens
jezt, nicht siegen werde, indem er auf zwei fast unumstösslichen
Grundpfeilern, der lieben Gewohnheit und der tyrannisch
herrschenden Mode beruht. Da ich aber die feste Überzeugung
in mir trage, dass diese böse Gewohnheit, diese unflätige
Mode zum grössten Nachtheile des Menschengeschlechtes tagtäglich
mehr zunimmt, ja sich vom Greise bis zum Schulknaben erstreckt, so
sollen mich weder diese starken Gegner, noch sonst etwas abhalten,
mein Vorhaben auszuführen, und ich benutze als Verwahrung gegen
einen allzu geschäftigen Krittler einen Theil der Vorrede des
alten med. Doctoris Hypolitus Guarionius von 1689, indem er
sagt:
"Viel Köpf, viel Sinn, fahr fröhlich
hin;
Nach g'meinem Plär, dich gar nicht kehr;
Ums Thoren
Hass, das Gut nicht lass;
Nach zeitlich Lob, durchaus nicht tob;
Such Nutz allein des Nächsten dein;
Des Lohnes grösster
Theil, sei's g'meine Heil."
Der Gegenstand, über den
ich vortrage, ist der Gebrauch, oder vielmehr der mit Riesenschritten
zunehmende Missbrauch des Tabaks in allen seinen Formen, als
Schnupf-, Kau-, besonders aber in seiner allerschädlichsten
Form, als Rauchtabak.
Ich will mich mit der
Untersuchung, welchem Welttheile die Ehre gebührt, die Mutter
der Urpflanze zu sein, nicht befassen, da hierüber viel
geschrieben ist. Jedenfalls tritt Europa von dieser Anmassung
bescheiden zurück und nur Asien und Amerika
stritten sich lange, wem der Vorzug gebühre. Beide haben Gründe
für und gegen sich, und das dazu niedergesetzte und urtheilende
Tabak-Schiedsgericht hat Amerika den Preis zuerkannt, da es in
seiner Replik dargethan hat, dass diese Pflanze himmlischen Ursprungs
sei.
Die Geschichte hierüber sagt: Einst hatten zwei
Indianer ein Reh erlegt (denn früher waren diese blos Jäger
und kannten keine andere Speise als Fleisch), und waren eben
beschäftigt, das Thier zu braten und zu essen. Da sahen sie eine
Jungfrau von überirdischer Schönheit aus den Wolken
herabsteigen und sich auf einen Hügel in der Nähe
niederlassen. Das ist, sprach einer zum andern, ein Geist, der das
duftende Wildpret gerochen hat, und vielleicht davon zu essen
wünscht; lass uns ihm etwas anbieten. Sie überreichten also
der Himmelsbewohnerin die Zunge; sie nahm dieselbe freundlich an und
verzehrte sie mit grösstem Wohlbehagen, und da ihr der Geschack
derselben gefallen hatte, sagte sie: Eure Höflichkeit soll nicht
unbelohnt bleiben; kommt nach 13 Monaten wieder hierher, und
verschwand in den Wolken. Dies geschah; die Jäger kamen nach 13
Monaten und fanden an dieser Stelle zu ihrem grössten Erstaunen
Pflanzen, die sie vorher nie gesehen hatten, die aber von jener Zeit
an mit grossem Vortheile gezogen wurden, und deren Anbau sich schnell
auch zu allen anderen Völkerschaften des Landes verbreitete. Wo
die rechte Hand der Himmlischen die Erde berührt hatte, fand
sich Mais, wo ihre linke Hand geruht, waren Bohnen hervorgesprosst,
und wo sie gesessen hatte, stand Tabak. Die Wahrheit dieser
Geschichte und namentlich des lezteren Umstandes, bestätigt der
noch jezt so häufig an vielen Tabaksorten bemerkbare
Fusselgeruch und Knellergeschmack! -
Wir wollen
gegen diese Tradition keine Einwendungen machen; gewiss ist aber,
dass den Tabak bauet und durch Kunst veredelt der Amerikaner, dass
ihn cultiviert der Asiate, dass ihn verfeinert durch Beimischung und
Saucen der Europäer; es raucht ihn der Feldherr wie der
Musketenträger, der begeisterte und witzelnde Dichter, so wie
der sich noch bildende Musensohn, der Handwerks- und Ackermann, wie
der Bettler. Es geniesst in Pulverform durch Schnupfen der
Minister und die empfindsame und empfindelnde Dame, so wie der
Nachtwächter in seiner mit Tabakrauch angefüllten
wachstube. Es kaut ihn der Matrose, so wie der
Handwerksgeselle, und der gebildete höhere Stand kaut und raucht
ihn zugleich nur in vermeintlich anständigerer Form, als ächte
Havanna-Cigarren, höchst wahrscheinlich aus inländischem
Tabak oder andern Surrogaten fabrizirt.
Näher liegt uns,
zu wissen, wann, wie und zu was der Gebrauch des Tabaks
in all seinen Formen nach Europa sich eingeschlichen und das
Bürgerrecht in Deutschland erworben habe? -
Der Uranfang
des Rauchens, nicht des Tabakrauchens, verliert sich weit hinauf in
die vorchristliche Zeit. Schon Herodot, der Vater der
Geschichte, schrieb 450 Jahre vor Christi Geburt von den
Mesageten: "Sie haben Bäume gefunden, die leicht brennende
Früchte tragen, diese warfen sie in ein anzündendes Feuer,
setzten sich dicht um dasselbe herum, und berauschten sich durch den
Dampf wie die Griechen durch den Wein. Je mehr sie von jenen Früchten
hineinwarfen, desto trunkener wurden sie, bis sie endlich im wilden
Tanze ihrem Rasen freien Zügel liessen."
Dasselbe
berichtet Maximus Tyrius 1) von den Scythen überhaupt,
sagt aber, dass sie stark riechende Kräuter dazu verwendeten,
und ihren Rauch an sich zögen, gleichsam tränken sie ihn
aus Schaalen. Dieselbe Gewohnheit hatten nach Pomponius Mela
2) und noch Solinus 3) die thrazischen Völker, doch
sollen diese, wie Lezterer sagt, den Saamen gewisser Kräuter
benutzt haben, um durch sein Verbrennen einen berauschenden Dampf zu
erzeugen.
Alles hier Erwähnte erscheint zwar nur als ein
roher Anfang des Rauchens, indem Scythen und Thrazier sich noch
keines Werkzeuges zum Rauchen bedienten, sondern die ganze Luft um
sich her mit Dampf erfüllten und aus derselben ihn einzogen.
Auch ist dabei keineswegs an den Gebrauch des Krauts, dessen wir uns
jezt als Rauchstoffs bedienen, zu denken. Allein es hat doch das
Wesentliche des Rauchens, dass es des Vergnügens, des Genusses
wegen geschah. Dagegen gibt uns Plinius der Aeltere 4) von
einem wesentlichen Merkmale unseres Rauchens Nachricht, dass es
nämlich vermittelst eines Werkzeuges geschah, durch welches man
den Rauch in den Mund zieht, obgleich das von diesem Schriftsteller
angeführte Rauchen nicht des Genusses wegen stattfand, sondern
als Arzneimittel angewendet wurde. Er sagt im 28. Buch seiner
Naturgeschichte, im 17. Kapitel: "Auch soll der durch ein Rohr
eingezogene Rauch des getrockneten Mistes von einem im Grünen
weidenden Stier gegen die Melancholie gute Dienste leisten."
Hieraus geht wenigstens so viel hervor, dass man schon zu Plinius
Zeiten das Rauchen, d.h. Rauch durch ein Rohr in den Mund ziehen,
verstand und es als ein Arzneimittel anwendete.
Das
Tabakkauen wurde in Europa zuerst bei den Seeleuten bemerkt, welche
es anfänglich nur aus Noth, nur in arzneilicher Hinsicht
als Heilmittel gegen den Scharbock benutzen, später aber
als Genussmittel das Kauen sich zur täglichen Gewohnheit
machten.
Auch des Tabakschnupfens Uranfang findet sich
schon in dem grauen Alterthume. Es hatte, wie das Rauchen und
Tabakkauen, blos arzneilichen Heilzweck.
In Griechenland
bediente man sich in den ältesten Zeiten der gepulverten
Niesswurz (Rad. Veratri albi) zur Heilung des Wahnsinns; und von
Carneades ist uns bekannt, dass er, bevor er gegen die Lehren
Zeno's schrieb, sein Haupt mit Niesswurz reinigte, damit nicht
verdorbene Feuchtigkeiten in demselben die Thätigkeit und
Schärfe des Geistes hindern möchten. Schnupfen von
mancherlei arzneilichen Pflanzenstoffen wurde in der Folge öfters
als Heilmittel, besonders gegen Kopf- und Augenübel angewendet.
Also hat der Gebrauch des Tabaks in allen seinen Formen ursprünglich
als Arzneimittel gegen Krankheiten verschiedener Art gedient.
Sehr
frühzeitig kam die Tabakpflanze nach Portugal, Spanien und
Frankreich durch deren Gesandten und wurde unter der berühmten
Katharine von Medicis als Modezier-Pflanze in den könglichen
Gärten gezogen. Bald darauf kam sie auch nach Deutschland zu
gleichem Zwecke und später erst, als man ihre Arzneikräfte
von ihren Lobrednern ausposaunen hörte, wurde sie auch als
Heilmittel in jeder Krankheit angewendet.
Zu Ende des 16. und
besonders Anfang des 17. Jahrhunderts haben die Ärzte dieser
Pflanze als Heilmittel übertriebened Lob gespendet. Vorzüglich
waren solche Lobredner Eberhardus Egidius 1586, Monardes
1587, Carolus Cluvius, Johann Jacob Ziegler, Peter Scriber,
Heinrich Barnstein in seinem Werkchen miraculum tabaci 1673,
hauptsächlich aber Bentekoe über den
unaussprechlichen Nutzen des Tabaks 1700. Ferner nennt Raphael
Torius den Tabak eine planta beata, decus terrarum, munus Olympii
etc. vix sanior herba constitit, et meritos jam nunc grantantus
jonores Africae gens, Asiaque ingens, America nova, Europaque
nostra.
In Deutschland soll sich Dr. Adolph Otto in
Augsburg den ersten Tabak 1563 aus Frankreich zu verschaffen gewusst
haben, von welchem Johannes Funk, Arzt in Memmingen, 1565
Pflanzen erhielt und davon an den berühmten Professor der
Pflanzenkunde und Psychologie Konrad Gessmer in Zürich,
ohne Benennung der Pflanze schickte, welche er gleich für Tabak
erkannte, und welche von diesen Männern als
Arzneiuniversalmittel gegen alle Krankheiten empfohlen wurde. Daher
kommen auch seine vielen und verschiedenen Namen, die er theils von
den Ueberbringern aus anderen Welttheilen, theils von seinen
Wirkungen erhielt. So hiess er Nicotian, Gesandten-Kraut,
südpolisches, südländisches Madriter Allheit,
indianisches Wunderkraut, Heil aller Welt, Königin-Kraut
etc.
Allein wie es allen neuen und übertriebenen, wie es
allen so schnellen Emporkömmlingen geht, so ging es auch mit dem
Rufe des so hoch gelobten Tabaks in Rücksicht seiner
Universalkräfte als Arzneimittel, und wie seine Herrlichkeit
stieg, so fiel sie auch wieder, obschon ich die anerkannten, auf
Erfahrung gegründeten herrlichen Wirkungen des Tabaks als
Arzneimittel, bei richtiger Incication angewendet, nicht in Abrede zu
stellen beabsichtige. Ich verweise vielmehr zur Würdigung der
Heilkräfte des Tabaks auf die gekrönte Preisschrift von Dr.
L. Alexander Szerleki, welcher als Gewährsmänner
einen Ellmüller, de Haen, Glisson, Pittschaft, Sachs,
Rademacher, Neumann und noch viele berühmte, praktische
Aerzte anführt.
Ich spreche daher nicht gegen die
Anpflanzung dieses Krautes als Modezier-Planze, nicht gegen den
Gebrauch des in so manchen Krankheitsfällen so kräftig
wirkenden Arzneimittels, ja, um noch billiger zu sein, nicht einmal
gegen den mässigen Gebrauch des Tabaks zum Schnupfen und Rauchen
bei weniger reizbaren und empfindlichen Subjekten (denn usus non est
abusus), nur auf das übermässige, mit jedem Tage
zunehmende Tabakrauchen vom Greise bis zum Schulbuben herab will
und muss ich aufmerksam machen, und zwar wegen dessen
unausbleiblichen, schädlichen Folgen.
Wenn Sie, meine
älteren Herren Collegen, nur auf 30 bis 40 Jahre zurückdenken,
so werden Sie jezt mit mir gerade ein entgegengeseztes Verhältnis
gegen jene Zeit finden. Damals waren die Tabakrauchenden so selten,
als jezt die sind, die nicht rauchen. Damals waren es einige
Studenten und Musterkartenreiter, die und deren Pfeifen man
anstaunte, weil sie etwas Seltenes waren. So erging es einst dem
Bedienten des ostindischen Kapitäns Naeglief in London,
als er das erste Mal in das mit Tabakrauch angefüllte Zimmer
desselben trat und den Rauchqualm aus Mund und Nase seines Herrn
ausströmen sah. In dem Schrecken und in der Meinung, dass sein
Herr in Brand gerathen würde, goss er das ganze Waschbecken
demselben über den Kopf und lief und schrie um Hilfe, worauf der
Kapitän des Lachens sich nicht enthalten konnte.
Die
grössere Verbreitung des Tabkrauchens geschah freilich am
meisten im 30jährigen Kriege durch die schwedischen Heere;
damals wurde das Tabakrauchen auch Sitte bei den französischen
Armeen und man giebt dem ehemaligen Minister Louvois unter
Ludwig XIV. das ehrenvolle Zeugnis, dass er seine Armeen
besser mit Rauchtabak, der auf des Königs Befehl täglich
den Soldaten gegeben wurde, versehen habe, als mit Lebensmitteln.
Sollte vielleicht der Genuss des Tabaks die Trunkenheit, die
Begeisterung bei den Franzosen hervorbringen, wie bei den Türken
vor einer Schlacht das Opium?! Es beschränkte sich nämlich
in jener Zeit die Rauchsitte hauptsächlich nur auf das
Militär.
Wir Alle kennen diese Pflanze unter dem Namen
Tabak (Nicotiana), so wie deren Gattungen. Niemand wird dieser
Pflanze die ihr eigenthümliche giftig betäubende
Eigenschaft absprechen, ebenso wenig ihre tief eingreifende Wirkung
auf den thierischen Organismus nach ihrem Genusse in allen Formen
verkennen. Sorglich warnt und straft die Natur jeden, der sich zum
ersten Male dieser Pflanze bedient, sei es auch in was immer für
einer Form.
Wenn der Tabakrauch auch von der ältesten bis
auf die neueste Zeit von allen Gelehrten als Erweckungsmittel
Scheintodter angewendet wurde, und noch wird; wenn ein Aufguss von
wenigen Quentchen bei Vielen die heftigsten Zufälle, Uebelkeit,
Erbrechen, Ohnmachten, Zittern, Marmorkälte und Krämpfe
aller Art hervorbringt; wenn selbst durch den Genuss des Tabak
wirkliche Vergiftungen stattfinden, wie ich es erlebte; so ist wohl
dessen Schädlichkeit beim übermässigen Genusse auf den
thierischen Organismus unzweifelhaft erwiesen, und ungerächt
lässt derselbe nicht mit sich spielen. Derlei öftere
gewaltsame Einwirkungen lassen nicht nur physische Störungen
zurück, sondern wirken ebenso nachtheilig auf das Psychische,
auf das Sensorium, welches durch so oft wiederholte Aufreizungen in
den unausbleiblichen Zustand der Abspannung und Erschlaffung
versinken muss. Sehen wir dies nicht täglich beim übermässigen
Gebrauche geistiger Getränke? Wird nicht bei einem Säufer
der Körper nach und nach schwächer, die Gliedmassen
unsicherer, zitternder, und wird nicht bei einem solchen das
Denkvermögen stumpfer, das Gedächtniss schwächer, und
zwar dies Alles in Folge der oft wiederholten Aufreizungen und der
durch sie nothwendig herbeigeführten Erschlaffung! So hält
Ferrario den übermässigen Genuss des Weins, über
dessen Überhandnehmen in Mailand er klagt, in Verbindung mit
dem starken Tabakrauchen für eine erhebliche Ursache der
Apoplexie! -
Ebenso muss daher diese in unseren Zeiten
täglich sich mehrende Tabaks-Rauch- und Kausucht (denn was ist
wohl das Cigarren-Rauchen anders, als rauchen und kauen zugleich) der
künftigen Generation in physischer und psychischer Hinsicht
Nachtheil, so namentlich Abnahme körperlicher und geistiger
Kräfte, und somit hohe Gefahr für unsere Nachkommen.
Sie
werden mir in Gedanken einwenden, dass man beim Tabakrauchen gesund
bleiben kann, und dass manche passionierte Tabakraucher sogar alt
werden, wie viele Beispiele zeigen. Ich stelle dieses nicht in
Abrede, halte es aber mehr für individuell nach der Constitution
und nach der Reizbarkeit des rauchenden Subjekts, und erlaube mir nur
die Frage, um zu beweisen, wie gering scheinende Anlässe oft die
unerhörtesten Folgen haben können. Wer hätte je
gedacht, dass der erste schluck Brandwein so viele Liebhaber und
Nachfolger in allen Ländern und Welttheilen finden würde,
dass der erste Schluck dieses Brandweins so unglaubliche Fortschritte
machen würde, und die physische, psychische und moralische
Vergiftung durch denselben bis zu einem so hohen Grade steigern
könnte, dass, um dem ungeheuern Nachtheile desselben
einigermassen zu steuern, Mässigkeitsvereine in Europa
imd Amerika dagegen zu stiften, als Nothwendigjkeit erachtet wurde?!
-
Sie haben, meine Herren, gewiss, wie ich, in der Praxis die
traurige Erfahrung gemacht, dass blühende Jünglinge und
gesunde Männer durch zu vieles Tabakrauchen ihre Blüthe auf
den Wangen verloren und die Haut des Gesichtes wie abgestorben,
missfarbig und bleich aussah. Ihnen so wenig wie mir ist es
entgangen, dass das übermässige Tabakrauchen oft Husten,
Blutspeien hervorbrachte und bei vorhandener Anlage selbst Phthisis
erfolgte. Auffallend sind Ihnen gewiss ebenfalls die vielen in
unserer lezten Zeit vorgekommenen Klagen, besonders der
Geschäftsleute, die übermässig rauchten, über
grosse Schleimansammlung in der Nacht und Würgen in der Frühe,
bis nach vielem Räuspern und heftiger Anstrengung einige Male
zäher Schleim ausgeworfen werden konnte. Ich versichere Sie,
dass mir derartige Fälle in kurzer zeit mehrmals vorgekommen
sind, und ihre Heilung nur in dem Unterklassen des Tabakrauchens zu
finden war.
Zur Bekräftigung meiner Ansicht und des
Gesagten über das Tabakrauchen will ich Ihnen nur zwei
gewichtige Autoritäten, nämlich Hildebrand und W.
Hufeland, bezeichnen.
Der Erstere sagt über den
Missbrauch des Tabakrauchens bei Gesunden Folgendes:
"Das
ganze Geschlecht des Tabaks ist giftig und hat die Eigenschaft der
betäubenden scharfen Pflanzengifte zugleich. Der Genuss des
Rauchtabaks, bei dem der Dampf des brennenden Krautes auf die Nerven
des Mundes und der Nase und durch Verbindung mit dem Speichel nachher
auf den Magen wirkt, zeigt das dem anfangenden Schmaucher auf eine
fürchterliche Art."
"Wer zum ersten Male eine
Pfeife Tabak raucht, der wird, ehe er damit fertig ist, von einer
Unbehaglichkeit befallen, die ihn nöthiget, sein Instrument
abzulegen und im Sitzen oder Liegen seine Unterstützung zu
suchen, um nicht ohnmächtig niederzufallen. Er wird bleich und
ein kalter Schweiss bricht ihm vor der Stirne hervor. Er empfindet
unerträgliche Uebelkeit, Unruhe und Angst, bis endlich ein
Erbrechen einige Erleichterung schafft. Der gereizte Zustand des
Magens setzt sich in die Gedärme fort, es entsteht ein Kollern
im Leibe und bald mit lautem Geprassel ein Bauchfluss, mit einem
Worte eine Art von Cholera in einem geringeren oder höheren
Grade, je nachdem der Tabak stärker, die genossene Menge
grösser, das Nervensystem des anfangenden Schmauchers
beweglicher und der Darmkanal mehr oder minder voll ist."
"Die
Mode des Schmauchens, und der Wunsch, es seinen Kameraden gleich zu
thun, oder das Wohlgefallen an einem schönen Pfeifenkopfe, oder
die Neigung der Müssiggänger an diesem trägen
Geschäfte einen Zeitvertreib zu haben, eines oder das andere
treibt den Neuling so stark zu wiederholten Versuchen, dass er sich
durch die ausgestandenen Quaken nicht abschrecken lässt, und
nach und nach gegen den giftigen Reiz genug abgehärtet wird, um
täglich und stündlich ohne Uebelkeit und Erbrechen, ja mit
der vollkommensten Behaglichkeit schmauchen zu können."
"Indessen
hebt die Gewohnheit die Schädlichkeit dieses Genusses gewiss
nicht ganz. Nur bei sehr feuchten und wenig reizbaren Körpern
wird sie fast unmerklich. Andere bemerken es deutlich genug, dass das
öftere Ausspeien wozu der Tabakrauch nöthigt, indem seine
Schärfe den Zufluss des Speichels vermehrt, sie trocken und
mager macht, dass, wenn sie auch nicht ausspeien, der mit dem
Tabaksaft und Dampf geschwängerte und verschluckte Speichel
ihnen die Verdauungskraft schwächt und den Hunger benimmt, dass
der Reiz des Dampfes auf die Lungen und Nerven wirkend, Wallung,
schweren Athem und ja nachdem die Constitutionen verschieden sind,
mancherlei Unbehaglichkeiten bewirkt. Daher ist es für das
physische und moralische Wohl der Menschheit ein sehr matürlicher
Wunsch, dass der seltsame, alberne und immer schnell oder langsam
schädlich bleibende Gebrauch des Schmauchens durch die Gewalt
der Mode ebenso abkommen möge, als er eben durch diese Gewalt
eingerissen ist."
Ebenso äussert sich W. Hufeland
über den Genuss des Tabaks auf folgende Art:
"Der
Tabakrauchgenuss ist einer der unbegreiflichsten. Etwas
Unkörperliches, Schmutziges, Beissendes, übel Riechendes in
den Mund zu ziehen!" Es verdirbt die Zähne, trocknet den
Körper aus, macht ihn mager und blass, schwächt Augen und
Gedächtniss, zieht das Blut nach Kopf und Lunge, disponirt daher
zu Kopfbeschwerden und Brustkrankheiten und kann denen, die hektische
Anlagen haben, Bluthusten und Lungensucht zuziehen." Ferner sagt
er:
"Das Schnuopfen des Tabaks (versteht sich das
übermässige) ist nicht viel besser und in Absicht der
Unreinlichkeit noch viel schlimmer, reizt beständig die Nerven
und schwächt sie am Ende und erzeugt Kopf- und Augenkrankheiten.
Zu dem Allem kommt nun noch etwas, was die Nachtheile des Rauchens,
des Kauens und des Schnupfens ausnehmend vermehrt, nämlich die
mancherlei Zusätze, Surrogate oder Beitzen, wodurch die
Tabakfabrikanten die Käufer mehr zu reizen suchen, und die zum
Theile wahre Vergiftungen des Publikums sind."
Es ist mir
unbegreiflich, dass die Gesundheitspolizei, die sonst alle
Consumptibilien so genau beobachtet, diese jezt so wichtige Klasse
derselben nicht genauer untersucht, denn es ist doch am Ende
einerlei, ob ein Mensch durch Verschlucken oder durch Rauchen oder
Schnupfen vergiftet wird. Nur ein Faktum führt Hufeland
an, dass in einer Tabakfabrik es herkömmlich war, den
sogenannten spanischen Tabak immer mit rother Mennige zu vermischen,
um ihm eine schönere Farbe und mehr Gewicht zu geben. Hier
schnupfen die Käufer täglich um ihr theures Geld eine
Portion Bleikalk, ein bedeutendes, schleichendes Gift. Muss man sich
denn noch wundern, wenn manche Arten des Schnupf- und Rauchtabaks
unheilbare Blindheiten und Nervenkrankheiten nach sich ziehen?
Die
von Hufeland angeführten Vergiftungen durch verschiedene
Tabakssorten, absichtlich oder unwissend, finden auch in einer
königl. baierischen Regierungsverordnung im Intelligenzblatt von
1841 ihre Bestätigung, indem der Polizei darin aufgetragen wird,
genau darauf zu wachen, dass Büchsen, worin die Schnupftabake
verpakt zu werden pflegen, gut verzinnt seien, weil es von den
Sanitätsbehörden erwiesen worden, dass, besonders bei
gewissen Tabaksorten, als beim Carrada-Tabak, Tabac de Paris, de
Virginie, das Blei sich oxydirt und in weisser Pulverform sich nicht
nur an den Bleibüchsen zeigt, sondern selbst den Tabak, so weit
er mit denselben in Berührung kömmt, mit einem weisslichen
Staub, mit Bleikalk vergiftet.
Das Alles, was Hildebrand
und W. Hufeland über die schädlichen Wirkungen des
Tabakrauchens gesagt haben, ist Ihnen gewiss schon oft vorgekommen,
wenn Sie sich nur einige Zeit zurückerinnern wollen. Das Neueste
aber über die Schädlichkeit der Tabakpflanze in einer
gekrönten Preisschrift, welche Dr. Barruel in der Sitzung
der Akadamie der Wissenschaften am 7. Februar 1842 vorgetragen hat,
sind Experimente, welche er mit der Tabakpflanze vorgenommen hatte,
und die von ihm bewerkstelligte Absonderung des erhaltenen Nikotin:
Es gelang Hrn. Barruel dieses Extrakt in einem bisher noch nicht
erreichten Zustande von Reinheit zu gewinnen, und er fand dabei, dass
es ein mächtiges alkalisches Salz und energisches Gift ist, das,
selbst in schwachen Parcellen genommen, den Tod fast augenblicklich
herbeiführt. Wem ist wohl unbekannt, welch ein eigenthümlicher,
ekelhafter Geruch aus dem Munde eines Gewohnheitsrauchers strömt
und wie höchst unangenehm der von diesem Gestanke berührt
wird, der vis a vis in ein Gespräch sich mit ihm einlässt,
und es ist wahrlich schwer zu begreifen, wie eine Schöne einem
so übelriechenden Munde zu Kuss und Lust sich nähern kann!
Auch ist der leidenschaftliche Schmaucher eher selten ein guter
Gesellschafter, er ist meistens monoton, weil er mit seinem Tabake
und Pfeifenapparate zu thun hat, und nur in unartikulierten Fragen
und Antworten sich auslässt. Er meidet aus obigem Grunde den
Umgang mit feiner gebildeten weiblichen Geschlechts, die
Bildungsschule junger Leute. Es ist ihm an bessern Tafeln, wo die
Etiquette das Rauchen untersagt, nicht behaglich, er sehnt sich nach
seiner OPfeife oder Cigarre, er schleicht sich bei Seite, um im
Freien oder im Verstecke seine Rauchmaschine anzuzünden und
phlegmatisch den Rauch einzuschlürfen. Bei ihm sind die
Geschmacksnerven durch den ewigen Reiz des Tabakrauchens abgestumpft
und das höchste Vergnügen des leckeren Gastronomen, einen
Unterschied an den Speisen zu bemerken, ist verloren, was ich selbst
oft von solchen Gewohnheitssündern gehört habe.
Was
aber Hufeland von Vergiftungen des Schnupf-Tabaks bei
Bereitung und Zusätzen in den Fabriken sagt, findet gewiss nicht
weniger Anwendung bei der Fabrikation des Rauchtabaks. Wie
hunderterlei Namen führen die Tabaksorten auf ihren Etiquetten
und jede Sorte weicht in Geruch und Geschmack von der andern ab, und
doch sollen alle vom nämlichen Geschlechte der Nicotiana
herrühren?! Offenbar geschehen so viele Beimischungen und
Zubereitungsarten, als Tabaksorten bestehen. Wie viele 100 Zentner
Erdäpfelkraut, Linden- und Nusslaub und Runkelrübenblätter
werden dem Rauchtabak nicht beigemischt und für ächten
Rauchtabak bezahlt?! -
Freilich sollte man sich über
solche Verfälschungen und Beimischungen nicht allzusehr wundern,
denn seit vielen Jahren bedient man sich in allen Sachen der
Surrogate. Dabei fallen mit einige Verse eines alten Freundes ein,
die er im Hungerjahre 1817, als man der Armuth statt Fleisch die
Knochen zu Kraftsuppen anpries, aufgesezt hatte. Sie lauten wie
folgt:
"Statt Zucker, Stärk' und Runkelrüben,
Cichorien für Kaffee;
Statt Fleisch die Knochen, die
sonst übrig bleiben,
Das Erdbeerblatt für Thee;
Geht's
länger noch so fort auf Erden,
Wird bald der Aff' das
Surrogat für Menschen werden."
Weit wichtiger und
nachtheiliger der menschlichen Gesellschaft ist das Tabakrauchen in
Hinsicht der vielen Feuersbrünste: denn als erwiesen ist
angenommen, dass 3/4 derselben durch das Tabakrauchen, d.i. durch
Unachtsamkeit und Gleichgültigkeit, mit der man mit dem Feuer
beim rauchen umgeht, in Scheunen und Ställen entstehen. Auch
dürfte die ökonomische Seite beim übermässigen
Tabakrauchen nicht ausser Acht gelassen werden. Keiner, der sich
dieser Rauchsucht ergeben hat, kann, wenn er auch den schlechtesten
Kneller oder Höllenkanaster raucht, die Auslagen dafür und
für Pfeifen, Feuerapparate, Tabaksbeutel u. dgl. das Jahr
hindruch geringer als zu 16-18 fl. anschlagen, eine Summe, die so
unvermerkt sich fortschleicht, und den meisten der niedern Klasse die
schuldige Jahressteuer bezahlen würde. Dabei ist aber der weit
höhere Verlust nicht berechnet, welchen der Schmaucher durch
verlorene Zeit an Geld erleidet. Denn Zeit ist Geld, sagt der
Engländer.
Noch muss ich der Gesellschaftszimmer
einzelner kleiner Privatstübchen, und Tabak- und Bierkneipen
erwähnen, in welchen der dicke Qualm des Tabakrauchs den Tag und
die Lichter verfinstert und die reine Lebensluft in eine zum Athmen
untaugliche, reizbare Lungen schädliche, Beengung und Husten
hervorbringende macht, in welcher Luft auch die Kleidungsstpücke
desjenigen, welcher nicht raucht, mit dem ekelhaften Dampfe
durchräuchert werden. Mit Abscheu sieht man in derlei
Gesellschaften auf dem Fussboden Tabaksaft und Asche, Strohhälmchen,
die zum Reinigen der Pfeifenrohre gebraucht wurden, und angebrannte
oder verkohlte Fidibus liegen; ja häufig werden die an ihren
Enden zur Asche gebrannten Cigarren auf dem Tisch abgestreift, und
wenn er mit einem Tuch bedeckt ist, dadurch nicht selten Löcher
in dasselbe gebrannt.
Ein solches Gesellschaftszimmer sieht
bald einer grauen Rauchkammer gleich und die darin befindlichen
Tapeten, sammt Vorhängen und besseren Möbels gehen zu
Grunde.
Meine Herren! Der Gegenstand, den ich hier vortrug,
der Missbrauch des Tabakgenusses in allen seinen Formen, ist nach
meiner innersten Überzeugung wichtig, ja gewiss einer
sanitäts-polizeilichen Würdigung werth, und habe ich, wenn
gleich nur in grösseren Umrissen, auf eine uns wie dem ganzen
Menschengeschlechte nicht minder drohende Gefahr, als die ist, welche
durch den ersten Schluck Brandweins entstand, aufmerksam gemacht, um
dadurch einer gewandteren und überzeugenderen Feder den Impuls
zu geben, später gegen dieses immer mehr und mehr zunehmende
Unwesen kräftig und erfolgreich anzukämpfen; so ist mein
Wunsch erfüllt, mein Zweck erreicht.
Originale
Anmerkungen:
1) Ein griechischer Philosoph und Redner. Er
schrieb ums Jahr 180 nach Christi Geburt.
2) Ein römischer
Geograph ums Jahr 41 nach Chr. Geburt.
3) Ein lateinischer
Schriftsteller, der einen Auszug aus Plinius des Aelteren Schriften
lieferte ums Jahr 200 nach Chr. Geburt.
4) Ein römischer
Schriftsteller des ersten Jahrhunderts nach Chr. Geburt. Von seinen
vielen Werken besitzen wir nur noch die sogenannte Naturgeschichte in
37 Bänden.